Über Schulen in freier Trägerschaft:
Die Studie der Friedrich Ebert Stiftung vom Februar 20111
(von Jürgen Beier)
Im Februar 2011 stellte die Friedrich Ebert Stiftung die Studie „Allgemeinbildende Privatschulen in Deutschland – Bereicherung oder Gefährdung des öffentlichen Schulwesens?“ von Manfred Weiß vor.
Diese Studie erfreute sich nach ihrem Erscheinen einer großen Medienresonanz.
Drei Aspekte sind in dieser Studie von besonderem Interesse:
1. Das Interesse an Schulen in freier Trägerschaft ist nach der ersten PISA-Studie deutlich angestiegen: „Im Schuljahr 2008/09 gab es in Deutschland 3.057 allgemeinbildende Schulen in privater Trägerschaft, die von knapp 700 000 Schülerinnen und Schülern besucht wurden. Das entspricht einem Anteil von 7,7% der rund 9 Millionen Schülerinnen und Schüler in allgemeinbildenden Schulen. Die Schulen in freier Trägerschaft konnten durch diese Entwicklung ihren Marktanteil“ bundesweit von 4,8% auf 7,7% steigern, im früheren Bundesgebiet von 6,1% auf 7,8% und in den neuen Ländern von 0,9% auf 6,9%.“
2. Leistungsunterschiede zwischen öffentlichen und privaten Schulen werden als marginal angesehen: „Die wenigen empirischen Leistungsvergleichs-Studien aus Deutschland vermitteln ein uneinheitliches Bild und zeigen insgesamt kaum bedeutsame Leistungsunterschiede zwischen öffentlichen und privaten Schulen.“
Auffällig ist hier, dass die Autoren der Studie versuchen, die Leistungsfähigkeit privater Schulen zu relativieren (… sind nicht so gut wie ihr Ruf), während man vor Jahren noch ziemlich selbstverständlich davon ausging, dass Privatschulen mit geringeren Anforderungen werben, „damit es hier auch Schüler schaffen, die an öffentlichen Schulen nicht zurecht gekommen sind.“
3. Privatschulen haben einen verstärkenden sozialen Differenzierungseffekt: „Deutschland scheint auf dem Weg in eine neue Art von Klassengesellschaft zu sein…“ (Henry-Huthmacher 2008, S.7/8). Zeugnis dieser Entwicklung ist nicht zuletzt der Zulauf, den Privatschulen zu verzeichnen haben. Sie sind längst nicht mehr nur ein Refugium gehobener Milieus, sondern zunehmend auch der Bürgerlichen Mitte.
Soziologen sehen in den Abstiegsängsten dieser Gruppe die Hauptursache für deren Abgrenzungsverhalten gegenüber den Milieus am unteren Rand. Im Bildungsbereich äußert sich dies in der Wahl von Bildungsangeboten, die „Milieunähe“ gewährleisten und zugleich dem Wunsch der Eltern nachkommen, ihrem Kind Vorteile durch Distinktion zu verschaffen.
Milieunähe ist auch durch die Wahl einer entsprechenden Schulform im öffentlichen Schulwesen erreichbar; dem Wunsch nach Distinktion kann es dagegen kaum entsprechen.
Dieser Befund ist in seinem Kern natürlich ernst zu nehmen und wird von den Schulen in freier Trägerschaft schon lange als Problem angesehen. Die Ursache hierfür liegt allerdings nicht im elitären Gebaren der Privatschulen, sondern ist Folge der zunehmenden restriktiven Mittelzuwendung für Schulen in freier Trägerschaft durch den Staat: Je mehr der Staat sich aus seiner Verantwortung zurückzieht, desto weniger sind die Privatschulen in der Lage, weiterhin einer sozial schwächeren Schülerschaft die Türen offen zu halten.
(Quelle: Allgemeinbildende Privatschulen in Deutschland – Bereicherung oder Gefährdung des öffentlichen Schulwesens? Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2011)


